JONAS KERSKEN

82. Minute im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen Werder Bremen. Der Ball kommt gefährlich hinein in den Bielefelder Strafraum. Jonas Kersken rennt ihm entgegen und klärt mutig mit dem Kopf. Die 2:1-Führung steht – auch dank diverser anderer Glanzparaden des Bielefelder Keepers.

„Bei solchen Spielen steht der Torwart der niederklassigen Mannschaft im Fokus“, weiß Jonas Kersken. Ein Druck, dem der erst 24-Jährige gewachsen ist. Er behält nicht nur in den gefährlichen Eins-zu-eins-Situationen die Nerven, sondern spielt die weiten Abschläge mit ganz viel Selbstbewusstsein, selbst wenn der Gegner ihn mit Vollspeed anläuft.

„Ich habe die Ruhe und die Überzeugung, dass ich das kann“, sagt Arminias Nr. 1. In der Liga stehen auf seiner Habenseite nach 28 Spielen fast 100 Paraden und lediglich 30 Gegentore. „Zusammen mit Saarbrücken haben wir die beste Defensive der Liga“, ordnet Teamplayer Jonas Kersken das Zahlenwerk ein. Die Mannschaft kann sich auf ihren Schlussmann verlassen. In vielen Partien hielt er gerade in der Schlussphase den Sieg der Blauen buchstäblich fest.

Abenteuer DFB-Pokal

Direkt nach der Partie gegen Bremen konnte er die Sensation, die das komplette Stadion feierte, noch nicht erfassen. „Wahrscheinlich kommt das erst in etlichen Jahren richtig bei mir an, wenn ich mit Ende 30 zurückblicke und sehe, dass diese Pokalsaison etwas ganz Besonderes war“, sagt der 1,90 Meter große Torhüter zehn Tage später bei unserem Gespräch.

Am Pokalabend selbst galt sein erster Gedanke im Interview bei Radio Bielefeld seinem Mannschaftskollegen Roberts Uldrikis, der sich im Spiel schwer verletzt hatte. „Das sah gar nicht gut aus. Es tut mir sehr leid, dass er jetzt so lange ausfällt“, sagt Jonas Kersken, der selbst schon wegen einer Schulterverletzung, die er sich bei seinem früheren Arbeitgeber SV Meppen zugezogen hatte, pausieren musste. Seine letzte Station, bevor er am 1. Juli 2023 zunächst auf Leihbasis von Borussia Mönchengladbach nach Bielefeld kam. Am 17. Mai 2024 unterschrieb er einen festen Vertrag bei den Blauen. 

Persönliche Entwicklung

Anders als andere Fußballer seines Jahrgangs wurde Jonas Kersken nicht in einem Nachwuchsleistungszentrum ausgebildet. Seine fußballerischen Anfänge lagen auf dem Spielplatz. Schon damals stand der gebürtige Düsseldorfer im Tor. „Ich war der Einzige, der sich getraut hat, immer zum Ball zu springen“, lacht der sympathische Fußball-Profi. Seine Eltern brachten ihn im Alter von acht Jahren zum Probetraining bei Fortuna Düsseldorf. Dort wurde ihm rasch klar. „Ich will Profi werden.“ Die Verwirklichung seines Traums musste jedoch noch warten. Mit 16 ging er für ein halbes Jahr nach Kanada, was ihn persönlich extrem weitergebracht hat. „Ich war das erste Mal weit weg von meiner Familie und habe dort erst richtig Englisch gelernt. In Sachen Fußball war ich relativ spät dran“, resümiert er heute. „Mit 17 Jahren stand ich am Scheideweg, da habe ich noch Bezirksliga gespielt.“ Seine Karriere nahm Fahrt auf. Im Sommer 2018 wechselte Jonas Kersken von den Sportfreunden Baumberg in die Jugendabteilung von Rot-Weiss Essen und absolvierte 18 Spiele in der A-Junioren-Bundesliga. Ein Jahr später erfolgte der Wechsel zur zweiten Mannschaft von Borussia Mönchengladbach, wo er im August 2020 seinen ersten Profivertrag erhielt.

Warum eigentlich ausgerechnet Keeper? „Vielleicht hat sich die Position auch mich ausgesucht. Sie passt einfach zu mir“, so Jonas Kersken. Zur Arbeitsplatzbeschreibung eines Torwarts gehört das Abwehren des Balls mit allen Körperteilen – wenn es sein muss, auch mit dem Gesicht. „Ja, das tut schon weh, aber wenn ich den Treffer damit verhindert habe, ist es umso schöner.“ Als Torhüter steht man im Fokus – bei Paraden, aber auch wenn es mal schiefgeht. „Wenn ich einen Fehler mache, liegt der Ball im Netz. Aber jeder macht mal Fehler, damit muss ich umgehen können und ein dickes Fell haben.“ Kommentare auf Social Media liest er nicht mehr. „Ich habe erst lernen müssen, diese zu ignorieren. Das bringt mich nicht weiter“, erzählt er. Beleidigungen durch die Gäste-Fans hinter seinem Tor sind an der Tagesordnung. „Live macht mir es weniger aus, das gehört irgendwie dazu. Online ist die Art der Beleidigung allerdings noch härter und deutlich persönlicher, das hat eine andere Dimension.“

Abseits des Platzes

Jonas Kersken lebt seinen Traum vom Profifußballer. Er hat sein Ziel hartnäckig verfolgt, darum gekämpft und war auch mal stur. „Wenn ich was will, dann will ich das“, sagt er mit einem Lächeln. „Meine Eltern haben mich toll unterstützt und mich damals täglich nach Essen gefahren. Von ihnen kam aber kein zusätzlicher Druck. Hätte ich gesagt, ich höre auf, Fußball zu spielen, wäre das auch okay gewesen. Sie stehen zu 100 Prozent hinter mir, egal was ich mache.“ Dabei hat keiner in der Familie Kersken etwas mit Fußball zu tun – auch seine drei älteren Geschwister nicht. „Für mich ist das gut, auch mal über ganz andere Dinge zu sprechen und mich nicht ausschließlich in der Blase Fußball zu bewegen..“

Um Abzuschalten, liest Jonas Kersken gern Sachbücher, bei denen er etwas für sich persönlich mitnehmen kann. „Wenn ein Buch es schafft, mich in eine komplett andere Perspektive zu versetzen und meinen Blickwinkel verändert, dann ist es für mich ein gutes Buch.“ Und Phoebe hält ihn auf Trab. Mit der der Golden Retriever Hündin erkundet er den Teutoburger Wald – und lernt immer neue schöne Ecken kennen.

Bei Heimspielen gilt sein erster Blick, wenn er mit der Mannschaft aufs Feld kommt, der vollbesetzten Südtribüne. Die Unterstützung der Fans nimmt Jonas Kersken trotz vollster Konzentration auch während des Spiels wahr. „Das ist für einen Drittligisten schon außergewöhnlich“, betont Arminias Nr. 1. „Selbst bei einem Spiel gegen Stuttgart II kommen mehr als 18.000 Menschen ins Stadion. Dafür spielen wir Fußball“