Wer hat an der Uhr gedreht? Plötzlich Frühling!

Elisa Hoven – Dunkle Momente
S. Fischer, 22 €
Das Buch ist eine Wucht: Jede Tat hat eine Geschichte. Eva Herbergen ist Strafverteidigerin mit ganzer Seele. Ihre Aufgabe ist es, ganz unterschiedliche Menschen vor Strafe zu bewahren: die berühmte Schriftstellerin, den gebrechlichen Millionär, die überforderte Stiefmutter. Sie weiß, es braucht nicht viel, dass aus einem Menschen ein Verbrecher wird, vielleicht sogar ein Mörder. Es genügt ein dunkler Moment, der die Wendung markiert – zum Opfer oder zum Täter. Auch Eva selbst kämpft mit diesen Grenzen, die sie selbst schon überschritten hat, mit den eigenen blinden Flecken unserer moralischen Vorstellungen.
Mit jedem Fall, den Eva kurzgeschichtenhaft erzählt, verschwimmen Grenzen. Was ist Recht und was ist es, was wir als gerecht empfinden. Das stimmt nicht immer überein, erschüttert Gewissheiten, bis die Frage im Raum steht: Welche Konsequenzen muss Eva aus ihren Erkenntnissen ziehen. „Dunkle Momente“ zeigt auf einzigartige Weise moralischen Dilemmata auf, die in einem Rechtsstaat unvermeidbar entstehen, die aber mit dem menschlichen Gerechtigkeitsempfinden nicht übereinstimmen müssen. Ein Buch, das packt, zum Nachdenken anregt, lange nachhallt und sprachlich auf ganzer Linie überzeugt. Lesen! (E.B.)
Thomas Korsgaard – Stadt
Kanon, 24 €
Es ist der Sommer, bevor Tue in die Oberstufe kommt. Auf dem Hof ist es verdächtig ruhig. 900.000 Kronen hat die Versicherung gezahlt. Zumindest die Schulden sind sie los. Für neue Gartenmöbel hat es auch noch gereicht, einen der Plastikstühle hat Tues Mutter an der Flaggenstange gehisst. Wer auf etwas Gutes wartet, wartet nie vergeblich, sagt sie. Sie ist verliebt. Aber nicht in Tues Vater. Dieses Geheimnis muss Tue hüten, sonst verrät die Mutter dem Vater, dass Tue schwul ist. Der Enge des Hofs will sich Tue entziehen. Er zieht zu seiner besten Freundin in die Stadt – und blüht auf: erste Party, erster Joint, erstes Mal. Lady Gaga.

Der ganze Brustkorb hüpft vor Glück. Und genau das ist Thomas Korsgaards Stärke: Mit ganz viel Feingefühl beschreibt er, wie sich mit all inneren Widersprüchen entwickelt und ganz allmählich sich selbst finden darf. Auch der zweite Band der Trilogie – zuletzt „Hof“ – zieht die Leserschaft in seinen Bann. (E.B.)

Till Raether – Disko
btb, 24 €
Nach dem Tod der Mutter implodiert das ohnehin fragile Familiengerüst. Der Vater trinkt zu viel, die Oma ist gar nicht richtig Verwandtschaft, die Zwillingsschwestern sind noch zu jung, um sich um irgendetwas zu kümmern und der Bruder hatte schon zu Beginn der 1970er bei Nacht und Nebel dem beklemmenden Resthof in der norddeutschen Provinz den Rücken gekehrt. Die 14-jährige Beeke sieht keinen anderen Ausweg: Sie muss ihren älteren Bruder in München, der dort als Disko-Produzent ein ganz anderes Leben führt, aufspüren. Ganz allein macht sie sich mit dem Zug auf den Weg, begegnet unterschiedlichsten Menschen, die ihr bei der Suche helfen.
Landet in einer Party-WG und tingelt nachts durch die Diskotheken, bis sie ihn endlich findet. Und dann kommt alles ganz anders, als sie es sich ausgemalt hat. Till Raether fängt in diesem Roman den Zeitgeist des legendären Munich Sound à la Giorgio Moroder, Donna Summer und Boney M. ein und erzählt vom Aufbrechen gesellschaftlicher Konventionen und von der Auseinandersetzung mit den Lebenslügen der Elterngeneration. (E.B.)
Susann Pástor – Von hier aus weiter
Kiepenheuer & Witsch, 24 €
Ein schweres Thema, leicht verpackt. Als Marlenes unheilbar kranker Mann entscheidet, sich das Leben zu nehmen, möchte sie eigentlich mit ihm gehen. Doch Rolf trickst sie aus – und so bleibt sie nach 30 Jahren Ehe einsam und vor allem wütend zurück. Ohne Lebensmut und alle Kontakte verweigernd, zieht sie sich in ihr großes, leeres Haus zurück und plant ihren eigenen Suizid. Bis zwei Menschen in ihr Leben treten, durch die sich ihre Perspektive auf unerwartete Weise verändert. Mit leisem Witz erzählt die Autorin von lähmender Trauer, aber auch dem Mut, irgendwann doch nach vorne zu schauen. (S.G.)

Christian Schünemann – Bis die Sonne scheint
Diogenes, 25 €
Wer sich noch an die grässliche aus Draht und Strumpfseide gebastelte Blumendeko erinnern kann, ist garantiert ein Kind der 80er. So wie Daniel, der 1983 kurz vor seiner Konfirmation steht und von einem blauen Samtsakko träumt.

Doch so nach und nach schwant ihm, dass daraus nichts wird. Denn seine Eltern stecken zwar voller Pläne und Ideen, doch eines können sie nicht: mit Geld umgehen. Sobald ein Geschäft läuft, machen sie viel zu große Sprünge. Doch ein Talent besitzen sie: Den Schein und ihren Optimismus (be-)wahren, selbst als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Durch Einbeziehung der Großelterngeneration weitet der Autor die fesselnde Familiengeschichte zu einem authentischen Zeitpanorama vom Kriegsende bis zu den 80er-Jahren aus. (S.G.)
Ingo Bott – Pirlo: Doppeltes Spiel
Scherz, 18 €
Die Kanzlei von Anton Pirlo und Sophie Mahler ist pleite. Um neue Mandanten zu gewinnen, lassen sich die beiden Strafverteidiger auf einen Vorschlag von Pirlos halbseidenen Bruder Ahmid ein: Sie versuchen sich in der Fußballbranche als Spielerberater. Der erste Mandant ist ein 16-jähriges Nachwuchstalent, der im Düsseldorfer Stadtderby das entscheidende Tor erzielte und seither heiß umworben wird. Der Manager des Vereins ist not amused, dass sein Schützling sich von Externen vertreten lässt. Es kommt zu einem Streit mit Pirlo. Als der Fußballfunktionär wenig später ermordet aufgefunden wird, fällt der erste Verdacht auf den eigenwilligen Anwalt.

Pirlo und Sophie verteidigen plötzlich in eigener Sache und lernen das knallharte Fußball-Business von einer ganz anderen Seite kennen. Und überraschenderweise geht es bei diesem Fall um mehr als nur das schnöde Geld. (E.B.)

Antje Rávik Strubel – Der Einfluss der Fasane
S. Fischer Verlag, 24 €
Hella Karl, einflussreiche Kritikerin und Feuilletonchefin einer renommierten Zeitung, gerät durch einen von ihr verfassten „MeToo“-Artikel in arge Turbulenzen. In dem provokanten Beitrag hatte sie dem gefeierten Theaterregisseur Hochwerth frauenfeindliches und übergriffiges Verhalten vorgeworfen, soll er doch eine Schauspielerin genötigt haben, ihre Schwangerschaft abzubrechen, weil sie sonst in Zukunft die attraktiven guten Rollen nicht mehr spielen werde. Der Artikel schlägt hohe Wellen. Zu einem Tsunami werden die aber erst, als der Starregisseur kurze Zeit später Suizid begeht. Hat Hella Karls Bericht ihn in den Tod getrieben? Plötzlich steht sie am Pranger.
Alle bisherigen Gewissheiten fallen weg und auch ihr Privatleben bekommt zunehmend Risse. Alles in allem ein packender Hauptstadt-Roman über die Macht des Wortes und kulturelle Meinungshoheiten, souverän erzählt und mit vielen ironischen Sottisen angereichert. (H.O.)
Daniel Glattauer – In einem Zug
Dumont, 23 €
Da sitzt nun ein einst gefeierter Autor von Liebesromanen im Zug von Wien nach München, wo er seinem Verlag erklären muss, warum er auch 13 Jahre nach seinem letzten Erfolg kein neues Manuskript vorlegen kann. Ihm schräg gegenüber sitzt eine Frau, die ihn schon bald in ein Gespräch verwickelt. Nach wenigen Sätzen wird klar, es geht um das Thema Liebe. Der Autor ist glücklich in seiner Langzeitbeziehung, was die Frau – by the way eine Psychotherapeutin – ihm nicht ganz abnimmt. So provoziert sie ihn und entlockt ihm Be- und Erkenntnisse, die er sonst nie freiwillig preisgegeben hätte.

Das Ganze könnte nun ein intellektuell prickelndes Geplänkel über die hohe Kunst der Liebe bleiben, würde nicht am Ende ein raffinierter Plot-Twist, ein echter Gamechanger auf den Leser warten. Worin der besteht, sei hier nicht verraten, denn wer will schon ein solches Thema durch profanes Spoilern verderben? (H.O.)

Heinz Liepmann – Das Vaterland
Pendragon, 22 €
Hellsichtiger als die meisten ahnte Heinz Liepmann die Katastrophe des „3. Reichs“ schon sehr früh. Den Roman „Das Vaterland“ schrieb er bereits 1933, als anderen noch gar nicht klar war, was mit Deutschland und der Demokratie in letzter Konsequenz passierte. Liepmann baut den Roman auf einem interessanten Plot-Fundament auf: Die Besatzung des Dampfers „Kulm“ legt im Dezember 1932 in Hamburg ab, um in Island auf Fischfang zu gehen, einer Zeit also, als Deutschland noch eine Demokratie war. Sie kehrt Ende März 1933 zurück und Deutschland hat sich in eine Diktatur verwandelt, die sich per Ermächtigungsgesetz von der Demokratie verabschiedet und Andersdenkende brutal verfolgt. Wie gehen die Besatzungsmitglieder mit der radikal veränderten Lage um?
Manche müssen als Sozialdemokraten oder Kommunisten untertauchen und aus dem Untergrund agieren, als Jude ist man plötzlich Mensch zweiter Klasse und lebensgefährlichen Repressalien ausgesetzt. Angesichts einer Weltordnung, die zurzeit neu geschrieben wird, gewinnt dieser brillante Roman erschreckende Aktualität. (H.O.)
Anders de la Motte – Eisiges Glas
Droemer, 16,99 €
Kaum hat Kriminalinspektorin Leonore Asker ihren ersten Fall als Leiterin der Abteilung für hoffnungslose Fälle gelöst, nimmt ihr Vater – einander in herzlicher Abneigung zugetan – nach jahrelangem Schweigen Kontakt auf. Denn ob er will oder nicht, der Prepper mit profunden Sprengstoffkenntnissen braucht Hilfe. In unmittelbarer Nähe zu seiner sorgfältig abgeschirmten Farm wird eine Leiche gefunden – und Prepper-Per ist der Hauptverdächtige. Zur selben Zeit erhält Leos Kindheitsfreund Martin Hill, der als Urban Explorer ein ausgesprochenes Faible für mysteriöse Orte hat, den Auftrag, auf einem Anwesen samt Privatinsel mit verlassenem Observatorium an einer Biografie zu arbeiten.

Bald entdeckt Hill, dass es in der Gegend noch mehr Geschichten gibt – über geheimnisvolle Lichter und über Wesen mit roten Augen. Ein bisschen Horror, ein wenig Science Fiction und ganz viel Thriller – das sind die Zutaten für einen fesselnden Spannungsroman. (E.B.)

Alice Hunter – Die Tochter des Serienkillers
Lübbe, 18 €
Jane ändert ihren Namen, sobald sie ihren Eltern entfliehen kann. Ihre Mutter ist manipulativ und kontrollsüchtig und ihr Vater ein überführter Serienkiller. Nun nennt sie sich Jenny, lebt in einem fernen Ort in Devon als Tierärztin, ist glücklich verheiratet mit Mark, der von ihrer Vergangenheit nichts ahnt. Doch als Marks Ex-Geliebte verschwindet und vor ihrer Haustür immer wieder Tüten mit Tierkadavern auftauchen, stellt sich die bange Frage: Ist ihr jemand auf die Schliche gekommen? Und schon bald wird klar, dass auch Mark etwas vor seiner Frau geheim hält. Geheimnisse, die lebensgefährlich sein können. Ein Thriller mit vielen überraschenden Wendungen. Ideal für schlaflose Nächte. (E.B.)